| Grünhain. Seit fast einem Jahr hatte die
alte Frau versucht, den Jäger des verlorenen Schatzes
aufzuspüren. Dietmar Reimann, der Leipziger Privatdetektiv,
der das Versteck des legendären Bernsteinzimmers im
Poppenwald bei Hartenstein vermutet, ist nicht leicht zu
finden. Der Mann steht nicht mal im Telefonbuch. Zu viele
Spinner, hat Reimann mal gesagt. Leute, die ihn auf Spuren
locken wollen, die so heiß sind, dass man sich an ihnen
einen Gefrierbrand holt.
Mit der alten Dame war es anders. Die Frau erzählte eine
Geschichte, die Reimanns Interesse weckte. Ein Teil der
Kulturgüter, die seiner Theorie zufolge im April 1945 im
Rahmen einer Geheimoperation in den Raum Aue-Schwarzenberg
gebracht worden sind, liegt möglicherweise im Kloster
Grünhain vergraben. „Diese Spur ist wirklich heiß“, urteilt
Reimann.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges besaß die Familie der
Frau, die heute als Rentnerin in Berlin lebt, ein Haus in
Grünhain, einer Stadt mit derzeit 2500 Einwohnern, die vom
Ruhm vergangener Tage zehrt. Im 13. Jahrhundert gründeten
Mönche des Zisterzienserordens hier ein Kloster, das in
seiner Blütezeit 56 Dörfer und drei Städte beherrschte, von
Böhmen bis nach Thüringen. Von den historischen Bauten sind
nur die Außenmauer und der so genannte Fuchs - Turm übrig
geblieben. In diesem Turm war im Juli 1455 der sächsische
Prinzenräuber Kunz von Kaufungen ein- gesperrt, nachdem er
im nahen Wald bei Waschleite von Köhlern überwältigt worden
war. Ein geschichts - trächtiger Ort, an dem ein halbes
Jahrtausend später vielleicht erneut Geschichte geschrieben
worden ist.
Die Zwönitzer Straße in Grünhain führt am Kloster vorbei.
Auf einem Hügel neben der Fahrbahn steht das Haus, in dem
Reimanns Informantin 1945 lebte. Von ihrem Fenster aus hatte
die Frau freien Blick auf das Klostergelände. Mitte April
sei es gewesen, erinnert sich die Zeitzeugin, als am
Klostertor Wachtposten aufzogen. Dann sei ein Lastwagen ans
Tor gefahren, von dessen Ladefläche Gefangene sprangen. Auf
dem Hof sah die Frau roh gezimmerte Kisten stehen. Sie
sollen mindestens vier Meter lang gewesen sein. In der Nacht
wurde gearbeitet, am nächsten Tag zogen Soldaten und
Häftlinge ab. Im Hof blieb ein frischer Dreckhaufen zurück:
Erde aus der Grube, in der seitdem die Kisten liegen? Was
diese Geschichte in den Augen des Bernsteinzimmer-Jägers
glaubwürdig macht, ist die Tatsache, dass sie zum Bericht
eines Soldaten passt, der im April 1945 an einer
Versteck-Aktion beteiligt war. Theodor Erdmann aus Rostock
unternahm eine „Rundreise“ durchs Erzgebirge, auf welcher er
Posten an mehreren Orten absetzte und später wieder aufnahm.
Der Poppenwald sei einer dieser Orte gewesen, sagte Erdmann
aus, Waschleite und Erlabrunn andere. Auch Grünhain lag auf
der Route. Was im Kloster geschah, vermochte der Ex-Soldat
nicht zu sagen. Die Angaben der Rentnerin sind da wesentlich
präziser.
Gotthold Stölzel vom Kulturhistorischen Verein Grünhain
bestätigt, dass die Skizze, welche die Frau angefertigt hat,
exakt den damaligen Verhältnissen entspricht. Dass im
Kloster Teile des Bernsteinzimmers vergraben liegen, daran
mag er jedoch nicht glauben. „Dahinter setze ich 20
Fragezeichen“, sagt Stölzel. Anders Dietmar Reimann. Der
sieht ein dickes Ausrufezeichen und verhandelt gegenwärtig
mit der Denkmalbehörde über eine Grabungserlaubnis. Er
hofft, im Kloster leichter einen Treffer zu landen als im
Poppenwald, der sein Geheimnis auch in diesem Jahr nicht
preisgegeben hat. |